Die Soziale Mobilmachung Europas

Peter Herrmann[i]

Die Soziale Mobilmachung Europas

Notizen im Zusammenhang mit einem Beitrag aus der Antikriegskonferenz in Berlin, 3.-5. Oktober 2014

„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“[1]

Einführung und Grundführung

Krieg und Nichtkrieg – darum geht es ja bei einer Initiative wie der hiesigen – war und ist immer eine Frage um Grenzen. Und es erscheint es als eine Frage von physischen Grenzen zwischen Staaten bzw. Nationen. Zu sagen, es handele sich um eine Frage von Staatsgrenzen, richtet schnell den Blick auf einen Ausdruck, der verschiedentlich den Staatsbegriff in metaphorischer Weise verwendet und damit – wohl ungewollt – den Blick auf einen wesentlichen Teil des Problems richtet: die Rede ist vom Staat im Staate.

Dieser Begriff findet sich vor allem in zwei wichtigen Verwendungen. Zum einen als Bezeichnung für eine „konspirative Herrschaftsorganisation“, die die innere Ordnung sichert und dabei in eigenartiger Weise die beiden Dimensionen, die Gramsci für Hegemonie benennt, zusammenbindet: Nicht zuletzt geht es um das Militär als Staat im Staate. Zum anderen geht es um eine mögliche Gegenmacht: nicht zuletzt war die frühere Sozialdemokratie mit dem umfassenden Netz von der Wiege bis zur Bahre auch als Staat im Staate klassifiziert – das war freilich pejorativ gemeint. Ob es sich dabei um eine Art innere Emigration handelte, um die Kopie von Herrschaftsstrukturen oder anderes handelte, muss hier nicht interessieren. Wichtig ist, dass auf diese Weise die Klassenstrukturen als Kern des Problems genannt sind. Denn immer, wenn es um militärische Auseinandersetzungen ging und geht, steht die Soziale Frage mehr oder weniger direkt im Begründungszusammenhang.

So oder so, diese kurze Diskussion zeigt, dass es im Kern eben nicht um einen kapitalistischen Staat als einen homogenen Block geht, der einen ebenso homogenen Block entgegensteht. Ich schlage folgende Gliederung für die weitere Analyse vor:

  • Die Kernkräfte des mehr oder weniger direkt gewaltorientierten Herrschaftsapparates
  • Die eher globalistisch orientierten Hegemonialkräfte
  • Die formierten Gegenkräfte
  • Die – scheinbar – Passiven

Die Metapher vom Staat im Staate soll im Folgenden nicht weiter verfolgt werden. Nun ist auch nicht jede „soziale Ungerechtigkeit“ gleich eine Kriegserklärung. Wohl aber lässt sich derzeit davon sprechen, dass die alte soziale Frage heute genau diesen Zusammenhang wieder Bedeutung gewinnt: Es geht um die Neudefinition der entscheidenden Grenzen. Wichtig ist daher, die komplizierte Überschneidung verschiedener Interessensphären auch in räumlicher Hinsicht:

  • Traditionale Nationalstaatlichkeit
  • „Regionale Staatlichkeit“ – hier und gegenwärtig insbesondere die EU
  • Die subnationale Regionalebene, die wieder verstärkte Bedeutung gewinnt und dabei nicht zuletzt eine neue Form von Antimilitarismus begründet – Schottland ist als jüngstes Beispiel hier zu nennen
  • Eine virtuelle Globalität – trotz des virtuellen Charakters haben wir es dabei aber mit sehr realen Ansätzen zu tun:
    • dem globalen Kapitalismus, der real, aber zugleich in diffusen Formen auftritt
    • der globalen Anti- und Alter-Globalisierungsbewegung mit ihren äußerst heterogenen Formen der Erscheinung und Äußerung.

All dies ist nun vor dem Hintergrund zweier weiterer Momente zu sehen, die die Neuordnung der Welt bestimmen – es handelt sich im Grunde um die zwei Seiten einer Medaille:

  • Die radikale Herausbildung einer neuen Stufe der Produktivkraftentwicklung
  • Die auf eine neue Stufe gehobene Akkumulation durch Enteignung.

Dies sind allgemeine Bestimmungen, die einen Rahmen abstecken, gegen den eine Bestimmung und Analyse verschiedener Politikmomente möglich ist. Es wird vor diesem Hintergrund auch möglich, die Widersprüchlichkeit zu erfassen, und ebenso die tatsächliche Gefahr der gegenwärtigen „inneren Mobilmachung“ bzw. „inneren Aufrüstung“ zu erkennen – Dabei ist eine Art Paradox festzustellen: die Aufrüstung hängt von einer pervertierten Abrüstung der Arbeitskräfte bzw. Ware Arbeitskraft ab. Der „Staat über dem Staat“, von dem Liebknecht gesprochen hat, hat eben auch eine andere Seite: die (un-)soziale Unterfütterung, die das Militär, der Militarismus und allgemein die Bereitschaft, Gewalt als eine inadäquate Antwort auf politische Fragen anzuerkennen, gesellschaftsfähig zu machen.

Zwei Seiten einer solchen Mobilmachung sind zu unterscheiden: die generelle Verunsicherung, mit der Entfachung eines „Kampfbewusstseins des Jeder-gegen-Jeden“. Zum anderen die Fortsetzung des Überwachen, Kontrollieren und Intervenieren, wie von Volker Eick vorgestellt.

Jugendarbeitslosigkeit

Meines Erachtens greift es zu kurz, wenn wir immer wieder allgemein von Neoliberalismus sprechen – insbesondere der Blick auf das Problem der sog. Arbeitsmarktpolitik sollte uns weiter aufhorchen lassen – wir müssen es ernster nehmen, wenn von einem fundamentalen Umbau gesprochen wird. Die Zahlen sind allemal erschreckend. Dies bezieht sich auf die absolute Höhe, aber auch die zunehmende Anzahl von Nicht-Standardisierten Arbeitsverhältnissen.

Ein kleiner Überblick in Zahlen:

The figures are alarming. Some 5.2 million young people are out of work in the EU today. The youth unemployment rate, which stood at 23.5% in 2013, is thus over twice as high as that for people of working age in general. A staggering 7.5 million of people aged 15-24 are not in employment, education or training (NEET). One third of young unemployed have been jobless for more than a year. Even when they find a job, young people often find themselves trapped at the precarious end of the labour market: 42.7 % were on temporary contracts in 2013 compared with 13.8 % of the over- all population of working age.[2]

Speziell mit Blick auf befristete Arbeitsverhältnisse ergibt sich folgendes Bild:

Over the three years 2009–2012, the proportion of young people in work with temporary contracts of employment rose in 20 of the 28 countries. The increase was particularly large in a number of countries which were most affected by the crisis – in Ireland, Slovenia, Spain and Italy. The proportion of young people employed in temporary jobs as opposed to permanent ones was larger in 2012 than in 2007 in all but nine countries, despite the initial reduction in the number of fixed-term contract jobs in many cases in the recession years.[3]

Dabei fällt neben der schlicht erschreckenden Höhe auf, dass es nun zunehmend auch die sog. bildungsnahen Schichten sind, für die die im Marktselbstlauf versprochene rosige Zukunft eine Illusion ist. Dies wird verschieden interpretiert – und nicht zuletzt von einem zunehmend verängstigten Mittelstand als Gefahr angesehen. Aber genau hier liegt eines der großen Probleme. Es handelt sich in gewisser Weise um eine Normalisierung des Kapitalismus: zeitweilige Privilegien sind nun unter Druck geraten. Die für viele schwer akzeptierbare Crux ist eben, dass vermeintliche Normalitäten nun durch tatsächliche Normalitäten eingeholt werden. Daher ist das Nachtrauern um eine verlorene Mittelstandsvergangenheit selbst schon eine Art akzeptierte Kriegsvorbereitung: die Kriegsbegeisterten waren ja vor allem immer diejenigen, die den inneren System-Krieg verloren haben.

Nun ist es freilich doch ein wenig komplizierter: Hinter dem Verlust von Privilegien stehen zwei Faktoren: zum einen waren diese durch einen zeitweisen Überschuss möglich – das nicht auf Deutschland begrenzte Nachkriegswunder ist nun auf den Boden der weniger wunderbaren Alltagsrealität zurückgekehrt. Zum anderen haben sich aber die Bedingungen des Kapitalismus selbst mehr oder weniger grundsätzlich gewandelt; vor allem der Wandel der Produktivkräfte und Produktionsweise – in engem Zusammenhang mit einer spezifischen Ausprägung von Globalisierung – sind hier zu nennen.

Die spezifische Ausprägung der Globalisierung ist ein zweiter wesentlicher Punkt: Schaut man sich die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit genauer an, so fällt eine enorme regionale Disparität auf. Wichtig ist, dies als eine neue Definition von Peripherie und Semi-Peripherie zu sehen.

Fasst man beides zusammen, kann es auf einen einfachen Nenner gebracht werden:

Auf dem Altar der inneren und äußeren Neuordnung der Welt werden bestimmte Gruppen und bestimmte Regionen zur Opferschlachtbank geführt. Eine entscheidende neuere Entwicklung ist, dass diese Opfer zunehmend auch von der „alten Mitte“ gefordert werden. – Damit sind zwei weitere Fronten errichtet.

Rassismus

Die EU-Politik ist in dieser Hinsicht „erfolgreich“: Betrachtet man die Politik, die mit Blick auf Rassismus relevant ist, so ist sie zunächst als Fortsetzung der Festungspolitik zu sehen. Begleitet wird dies von verschiedenen weichen Maßnahmen, die eher appellativen Charakter haben.

Ein zweiter Punkt besteht in der Entsolidarisierung – unabhängig von den Details: Ein Land wie Italien steht dabei allein vor einem massiven Problem: ein Problem, weil Einwanderung „einfach passiert“, ein Problem auch, weil eine globale Entwicklung nationalisiert wird: ein Nationalstaat soll allein eine Antwort finden.

Einige wenige Zahlen zu der L’emergenza, der „Notlage“, wie es il sole 24 ore bezeichnet

1.889 Morti e dispersi

Stima Onu di morti e dispersi in mare per raggiungere l’Europa da gennaio 2014

108.172 Sbarchi in Italia

Stima Onu degli arrivi via mare sulle

coste italiane da gennaio 2014

453 Scafisti arrestati

Dati del Viminale, da ottobre 2013

ad agosto 2014[4]

Der Streit um FRONTEX-plus und die Gegenüberstellung dieser neuen EU-Initiative gegen die italienische Initiative Mare Nostrum erscheint dabei zynisch:

E il ministro dell’Interno, Angelino Alfano trona a parlare di Frontex plus che partirà dal primo novembre: a quel punto «chiederemo al governo di chiudere l’operazione Mare Nostrum».[5]

Aber dann finden sich auch Hinweise, dass es eben nicht um einen Ersatz gehen könne, dass es ein Ergänzungsprogramm sei etc. – dies wird dann als Beschwerde vorgebracht, oder aber als resignierte Feststellung. Allemal muss bedacht werden:

De plus, si Frontex doit prendre le relais, son mandat doit être clarifié. Parce que pour l’instant il s’agit d’une agence spécialisée dans le contrôle et la dissuasion des migrants.[6]

Teil einer EUropäischen Lösung wäre in der tatsächlichen Implementierung der Dublin-Regelungen zu sehen:

La solution c’est que les états européens qui ne sont pas sur la frontière méditerranéenne acceptent de partager la prise en charge de ces personnes. Certaines dispositions de Dublin III sont inexploitées ou mal interprétées. Le règlement permet de transférer des personnes vers des états où elles auraient des attaches familiales, linguistiques ou culturelles.[7]

– Freilich, dass man nun als Linker eine Einlösung einer letztlich konservativen Regelung fordern muss, zeigt, wie degeneriert die Situation bereits ist. Ein Punkt, der in diesem Zusammenhang auch Erwähnung finden sollte ist in der Klassifizierung der Scafisti, der Menschenhändler bzw. Fluchthelfer zu sehen.[8] Außerdem ist FRONTEX und sind die verschiedenen Regelungen vor allem immer in dem Doppelcharakter zu sehen, dass sie einerseits strikt der Sicherung der Sicherung der äußeren Grenzen dienen, andererseits gewisse humanitäre Momente beinhalten.

Dabei ist ein weiterer Punkt zu berücksichtigen: Tatsächlich wird ein bemerkenswerter Teil der Wirtschaft, nicht zuletzt der Einzelhandel, von Migrant(Inn)en getragen. Es entsteht eine seltsame – und allemal gefährliche – Gemengelage von mafiösen Abhängigkeiten, Abhängigkeiten von Billigprodukten und teils Konfrontationen zwischen „Wir“ und „Ihr“: Wir erscheinen nun abhängig von den anderen, die, anders als wir, ihr Glück machen. Wahrheit spielt dabei keine Rolle. Und so kann die verlorene wirkliche Solidarität ersetzt werden durch eine Scheinsolidarität gegen die MigrantInnen.

Das Gewalt insgesamt bisher nur eine relativ geringe Rolle spielt, haben wir der permanenten, teils in den Köpfen selbst stattfindenden (Selbst-)Überwachung zu verdanken (siehe den Beitrag von Eick). Diese Selbstüberwachung nimmt dabei nicht zuletzt die Form der vollkommenen Individualisierung an, die sich als Neudefinition des Sozialen ausdrückt. Und es ist der Tatsache geschuldet, dass ein Grossteil der Gewalt an die Außengrenzen verlagert ist. – Und wie der Beitrag von Susann Witt-Stahl gezeigt hat, auch in ein Außen des Selbst: Computer-Spiele töten nicht unbedingt, aber wenn das Leben selbst gleichsam zum Computerspiel verkommt, wird das Töten gleichsam zum Spiel.

Modernisierter Arbeitsdienst

Von einem modernisierten Arbeitsdienst zu sprechen, weist auf unterschiedliche Dimensionen:

(i) Konzepte der sogenannten Aktiven Arbeitsmarktpolitik haben vielfach den Charakter struktureller Gewalt. Die Lebenssicherung erfordert zu einem Grossteil Selbstverleugnung. Diese entsteht nicht zuletzt durch die Verbindung mit einer Sozialpädagogisierung und einer Art von Therapeutisierung von Maßnahmen. Verschiedentlich wird von der Unmöglichkeit von empowerment gesprochen, weil das Konzept eine strukturelle Ungleichverteilung von Macht voraussetzt. Dies kann man selten so deutlich sehen, wie in diesem Zusammenhang: betroffene werden zunächst einmal zumindest psychologisch entmündigt, um sie dann zu „ermächtigen“ – Councelling wird dabei explizit in den Maßnahmekatalog einbezogen.

(ii) Der Aspekt des „Modernen“ bei diesem Mechanismus verdient hervorgehoben zu werden. Entscheidend ist nicht so sehr, dass es um neue Formen geht, sondern dass diese neuen Formen in ausgearbeiteter Weise auf den Grundmechanismus des selbstverantwortlichen und selbst-schuldigen Individuums aufbauen. Der autoritäre Charakter ist gerade auf einer Art selbst-beschuldigendem Individualismus aufgebaut, der dann in pervertierter Form in Resignation oder Gewaltbereitschaft auftritt. Wir sollten nicht unterschätzen, welche Rolle Resignation und in der Folge Duldung im Zusammenhang mit Militarismus spielt. Solidarität ist nicht nur unerwünscht – und teils verboten (s. etwa das Verbot von Gewerkschaften ….); Solidarität ist zunächst auch kontraproduktiv, gleichsam unmenschlich, denn menschlich, so wie es die Moderne sieht, ist der eigene Zwecke verfolgende, individualistisch bzw. egoistisch handelnde Mensch. Und hier treffen dann die Worte Karl Jaspers:

Gleichgültigkeit ist die mildeste Form der Intoleranz

und damit eines der Saatbetten für Militarismus. Wenn Horst Köhler dann sagte,

[e]s wird wieder sozusagen Todesfälle geben. Nicht nur bei Soldaten (…) man muss auch um diesen Preis sozusagen am Ende Interessen wahren.

sollte deutlich werden, dass Militarismus, Krieg gleichsam zum Kulturgut aufsteigt, auch wenn wir es scheinbar mit „weichen Formen“ in der Gesellschaftsentwicklung zu tu haben: governance, Rechte des Individuums etc.

Wenn ich früher gesagt habe, das Soziale wird neu definiert, so ist es genau dies:

  • Das Prekariat wird geschön-deutscht als Ich-AG vorgestellt: Dabei geht es nicht nur um die Individualisierung, sondern zugleich um die Degradierung der Person, die nun eine Art Institution ist und sich selbst instrumentalisiert – die Zuspitzung und Verallgemeinerung des Entfremdungszusammenhanges: man ist außer der Arbeit bei sich.
  • „Soziale Versorgung“ – in den verschiedenen Formen – erscheint in der neuen Definition als Frage des Tausches von sich rational verhaltenden Wirtschaftssubjekten; neben den vielen anderen Punkten ist hier zu fragen, ob man denn wirklich so naiv sein kann, und Arbeitsunwilligkeit als allgemeine Verhaltensregel zu sehen.
  • Bereitschaft zur Selbstzerstörung bzw. Selbstverleugnung wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Ein makabres Beispiel besteht darin, alleinstehende ErzieherInnen (Eltern) vor die „Wahl“ zu stellen: Arbeit um den Preis der Vernachlässigung der Kinder oder Sorge für die Kinder um den Preis der materiellen Destitution.
  • Die „Schuldfrage“ wird in all diesen Fällen in gleicher Weise gestellt und gleich beantwortet: Die Ich-AG wird zum Ich-Soldaten; jeder kämpft gegen sich und gegen alle – und wenn nicht Resignation obsiegt, so ist der äußere Feind willkommen.
  • Es findet sich eine Zuspitzung und Verallgemeinerung des Entfremdungszusammenhanges: man ist außer der Arbeit bei sich. Nun muss aber auch das genaue Gegenteil festgestellt werden: die Arbeit wird für einige auch zu einem Feld der Selbstverwirklichung: Politik existiert nicht mehr, Engagement ist – freiwillig oder unfreiwillig – auf Selbstverwirklichung reduziert, und findet als solche nicht zuletzt eine pervertierte Form einer sogenannten Infantilisierung:

Infantilization in this instrumentalist form signals the abandonment of Western civilization’s understanding (not necessarily shared by earlier cultures) of childhood as precious legacy, and children – not yet capable of autonomy or self-defense – as ends in themselves whose happiness and well-being are the ultimate object of the public good. Thus our democracy is little by little corrupted, our republican realm of public goods and public citizens is gradually privatized, and the capitalist economy, once intended to serve democracy and the republican commonwealth alike, is bent and soon likely to be broken.[9]

Freilich ist in diesem Zusammengag einmal mehr an die Gefahren der Debatten um Gemeinschaft und romantizistische Vorstellungen zu erinnern.

Allemal, es bleibt nicht einmal das „Gott für uns alle“, sondern der Boden ist für den Ruf nach dem starken Staat bereitet – der sich ja tatsächlich als stark darstellt. Und – dies scheint fast ebenso gefährlich – er stellt sich als technisches Instrument dar, welches eben doch noch einen Rest an Sicherheit zu geben vermag. – Dass dieser starke Staat dann als eine Art Privatstaat, mit privatisierten Sicherheitskräften, selbsternannten Industriebaronen, Fürsten und Königen daherkommt, kommt durchaus der neuen Gemengelage zugute.

Freilich, dies ist der allgemeine und dominierende Trend der immer noch auf Lissabon 2000 ausgerichteten Politik. Es gibt dann aber auch konkrete Bereiche, die teilweise ein wenig neben der Hauptstrategie stehen und leider schwer in eine linke positive Gesamtstrategie zu überführen sind

  • Einige durchaus positive Momente des Investment in Active Labour Market Policies (ALMPs).
  • sowie Teile der Social investment strategy
  • die Durchsetzung von Minimum Wage Regelungen
  • Einige Entwicklungen auch im Care sector

Für eine Gesamtanalyse und ebenso mit Blick auf die Entwicklung von Gegenstrategien muss auf die genuine Integration von Akkumulationsregime, Regulierungsweise, Lebensregime und Lebensweise und entsprechende Desintegrationstendezen geschaut werden. Ein Blick auf die Entwicklungen in den ALBA-Staaten mag hier interessanter sein, als auf Russland oder China zu setzen.

Zusammenschau

Am 1.10. 2014: Treffen von Bürgermeistern EUropäischer Großstädte in Rom – es war nicht ganz leicht, die verschiedenen Sicherheitsstufen zu überwinden, mit etwas Beherrschung der italienischen Schauspielschule gelingt es aber.

Leichtherzige Reden, Versprechungen und allgemeine Selbstverpflichtungen, nicht zuletzt darauf, sich für die „Erhaltung der Rolle der Städte einzusetzen“.

So warmherzig der Empfang dann doch nach Überwindung der Sicherheitskontrollen war, so kalt ist er dann beim Heraustreten:

Ein Plakat zeigt Schiffbrüchige, mit anklagendem Blick:

Nel vi Municipio. Non vogliamo morire di accoglienza. Stop immigrazione. Basta schiavitù.

In unserem Rathaus. Wir wollen nicht am Empfang sterben. Stop Einwanderung. Beendet Sklaverei.

Gezeichnet vom Capogruppo Forza Italia = der Gruppenführer.

Und ob direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst, was dieser Gruppenführer „schützen“ will, ist eben diese Grundorientierung der freien und gleichen Marktkapitalismus:

Western Europe, with 6.4 percent of the population, controls almost 29 percent of expenditures … On the other hand, sub-Saharan Africa, with nearly 11 percent of the population, controls only 1.2 percent of consumer expenditures.[10]

Und weiter – auch wenn es sich um USNA-Zahlen handelt und der Autor meint, in Europa sei die Welt noch in Ordnung, muss ein solcher Optimismus wohl angezweifelt werden:

… the advertising industry in the United States alone spent over $ 230 billion in 2001, which much as $ 40 billion aimed at children (up from $ 2.2 billion in 1968 and $ 4.2 billion in 1984)[11]

Es ist interessant, in diesem Zusammenhang auf zwei Grundrechte zu verweisen, die in den USNA bestehen: der Privat-Besitz von Waffen, und ebenso das Recht eines jeden Menschen, eine Bank zu gründen.

Es ist schwer, einzelne Momente von einander zu trennen. Und es ist sicherlich gefährlich, ein Schwarz-Weiß-Bild zu denken. Aber es ist ebenso gefährlich, die Tendenzen zu übersehen, die ganz fundamental das Sozial-, Denk- und Verhaltensmodell einer individualistischen Marktgesellschaft definieren. Ein kürzlich wieder aufgetauchter Plan kann dies verdeutlichen – wiederum hinkt Europa dabei den USNA hinterher. Es geht um das eigentlich alte System: der Lebensmittelkarten bzw. Sachleistungen, die nun auch im nördlichen Inselreich Europas wieder eingeführt werden sollen. Das Stichwort lautet EBT – Electronic Benefit Transfer.

Nochmals: es ist eine Zuspitzung der Politikorientierung durch ein Paradox: diejenigen, die den Krieg Aller gegen Alle verloren haben, werden vollends ausgegrenzt, entmündigt: was früher der Entzug der Bürgerrechte für Kriminelle war, ist heute eine Quasi-Kriminalisierung derjenigen, die mit den Bedingungen des Konsumentenkrieges nicht mithalten konnten. Und die entzogenen Rechte sind nun nicht die Wahlrechte o.ä., sondern die Rechte der freien Konsumentscheidung. Es scheint nur einen Weg zurück zugeben: Sich auf das Schlachtfeld zu begeben. Es ist bezeichnend, dass etwa bei den Französischen NationalistInnen um Le Pen nun auch vermehrt junge Menschen mit Migrationshintergrund auftauchen: If you cannot beat them, join them. And in order to join them you have to beat yourself – and „the other“.

Darin ist neben anderen Faktoren sicher auch ein Moment der Schwäche von sozialen Bewegungen zu sehen.

Schließlich: wenn sich der derzeitige Papst kritisch und mit eindeutigen und scharfen einmischt, ist dies zu begrüßen. Es ist wichtig, die sich warnende Stimme wahrzunehmen, die sagt, dass dieser Kapitalismus tötet. Aber es muss klar darauf hingewiesen werden, dass es nicht nur dieser Kapitalismus ist. Es ist Kapitalismus im allgemeinen.[12]

***********

Wird es Wahrheit, oder ist es schon Wahrheit, was für H.G. Wells noch eine vermeidbare Zukunft erschien?

And very vaguely there came a suggestion towards the solution of the economic problem that had puzzled me.

‘Here was the new view. Plainly, this second species of Man was subterranean. There were three circumstances in particular which made me think that its rare emergence above ground was the outcome of a long-continued underground habit. In the first place, there was the bleached look common in most animals that live largely in the dark—the white fish of the Kentucky caves, for instance. Then, those large eyes, with that capacity for reflecting light, are common features of nocturnal things—witness the owl and the cat. And last of all, that evident confusion in the sunshine, that hasty yet fumbling awkward flight towards dark shadow, and that peculiar carriage of the head while in the light—all reinforced the theory of an extreme sensitiveness of the retina.

‘Beneath my feet, then, the earth must be tunnelled enormously, and these tunnellings were the habitat of the new race. The presence of ventilating shafts and wells along the hill slopes—everywhere, in fact, except along the river valley—showed how universal were its ramifications. What so natural, then, as to assume that it was in this artificial Underworld that such work as was necessary to the comfort of the daylight race was done? The notion was so plausible that I at once accepted it, and went on to assume the how of this splitting of the human species. I dare say you will anticipate the shape of my theory; though, for myself, I very soon felt that it fell far short of the truth.

‘At first, proceeding from the problems of our own age, it seemed clear as daylight to me that the gradual widening of the present merely temporary and social difference between the Capitalist and the Labourer, was the key to the whole position.[13]

(Wells, H.G., 1898: The Time Machine)

***********

[1]            (Brecht: Me-Ti. Buch der Wendungen)

[2]            Social Europe guide 8: 27

[3]

[4]            Romano, Beda, 28.08.2014: Operazione Ue nel Mediterraneo; in: Il sole 24 ore; Giovedì; 02 Ottobre 2014; Aggiornato alle 22:15; http://www.ilsole24ore.com/art/notizie/2014-08-28/operazione-ue-mediterraneo-063729.shtml?uuid=ABP9V5nB – 2.10.2014

[5]            Il Sole 24 ore, 16.09.2014: Oltre 800 morti in tre giorni nel Mediterraneo; in: Il Sole 24 ore – Giovedì, 02 Ottobre 2014, Aggiornato alle 22:15; 2.10.2014

[6]            Dubost, Jean-François/ Emilien Urbach, 30. September 2014: Contrôle aux frontières, l’Europe doit changer de cap; in: L’Humanité; http://www.humanite.fr/controle-aux-frontieres-leurope-doit-changer-de-cap-553449?IdTis=XTC-FT08-AJDSFY-DD-8INP-DGZP

[7]            ibid.

[8]            Siehe in diesem Zusammenhang: Nagler, Axel, 2014: Lob der Schleuser: WER MENSCHEN IN NOT HILFT, IST KEIN VERBRECHER; in: RAV: Infobrief 109, 2014: http://www.rav.de/publikationen/infobriefe/infobrief-109-2014/lob-der-schleuser/?PHPSESSID=1b4e09a2df070ef6f6def049b967aac9 – Für den Hinweis danke ich Volker Eick

[9]            Barber, Benjamin R., 2007: Consumed. How Markets Corrupt Children, Infantilize Adults and Swallow Citizens Whole; New York/London: W.W. Norton: 20

[10]            ibid.: 10

[11]            ibid.

[12]            Siehe in diesem Zusammenhang Herrmann, Peter, forthcoming: Vatican Spring? (working title); in: Tausch, Arno (ed.): The Pope – How Many Divisions Does he have?; forthcoming (in Spanish language)

[13]            Wells, H.G., 1898: The Time Machine

[i]            Dr. phil (Bremen, FRG). Studies in Sociology (Bielefeld, FRG), Economics (Hamburg, FRG), Political Science (Leipzig, GDR) and Social Policy and Philosophy (Bremen, FRG).

Since 2013 he is senior academic at the Osservatorio Europeo Sulla Qualità Sociale, a research unit at EURISPES in Rome, Italy. He is also adjunct professor at the University of Eastern Finland (UEF), Department of Social Sciences (Kuopio, Finland), honorary associate professor at Corvinus University in Budapest, Faculty of Economics, Department of World Economy and visiting scholar at National University of Ireland Maynooth.

He had been teaching at several Third Level Institutions across the EU and beyond; and had been correspondent to the Max Planck Institute for Foreign and International Social Law/Max Planck Institute for Social Law and Social Policy (Munich, Germany). He holds position as for instance that of a senior advisor to the European Foundation on Social Quality (The Hague, Netherlands), member of the Advisory Board of EURISPES – Istituto di Studi Politici, Economici e Sociali, Rome, member of the Scientific Board and its coordination committee of ATTAC – Association pour la taxation des transactions financières pour l’aide aux citoyens, Associate Member of the Eurasian Center for Big History and System Forecasting, Lomonosow Moscow State University, Russia.. He held various positions as visiting professor at different universities. He also had been research fellow at National Taiwan University, Taipei; The Cairns Institute, James Cook University, Australia; Visiting Scholar at Orta Dogu Teknik Üniversitesi (ODTU), Ankara, Turkey; Visiting Scholar at the Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, Munich, Germany.

He started his work in researching European Social Policy and in particular the role of NGOs. His main interest shifted over the last years towards developing the Social Quality Approach further, looking in particular into the meaning of economic questions and questions of law. He linked this with questions on the development of state analysis and the question of social services. On both topics he published widely.

Member of several editorial boards; editor of the book series Applied Social Studies – Recent Developments, International and Comparative Perspectives (New York, USA) and Studies in Comparative Pedagogies and International Social Work and Social Policy (Bremen, Germany); peer-reviewing for several journals in the social area and book series.

Annunci

Rispondi

Inserisci i tuoi dati qui sotto o clicca su un'icona per effettuare l'accesso:

Logo WordPress.com

Stai commentando usando il tuo account WordPress.com. Chiudi sessione / Modifica )

Foto Twitter

Stai commentando usando il tuo account Twitter. Chiudi sessione / Modifica )

Foto di Facebook

Stai commentando usando il tuo account Facebook. Chiudi sessione / Modifica )

Google+ photo

Stai commentando usando il tuo account Google+. Chiudi sessione / Modifica )

Connessione a %s...

%d blogger hanno fatto clic su Mi Piace per questo: