Wiedereingliederung

…, leider ist es in der Tat auf unangenehme Weise verlaufen und an den Ton musste ich mich erst über lange Zeit gewöhnen – ob es mir vollständig gelungen ist …? Es bleibt unterm Strich dieses seltsame ‘im Grunde ist er ein guter Kerl und meint es nicht so.’
Fuer mich ist er und ist dies alles derzeit eh Teil eines größeren Feldes von Kommunikation und Kommunikationsfehlern und Verhältnissen, Verhalten und auch Beziehungen, denn Verhalten und Verhältnisse sind ja im Grunde immer eine Frage auch der Beziehungen. Und das ist fuer mich derzeit eben ein weites Feld, da ich mich im Übergang befinde, im Untergang gar:
das Untergehen der Beziehungen nach zwei Jahren, das Untergehen in den neuen Eindrücken, mit denen ich beim Versuch des Fuss-Fassens in einem neuen Lebensabschnitt konfrontiert sehe, und auch das Untergehen des ‘alten Europas’, dass durch den Aufenthalt ausserhalb doch einige ‘Prellungen’ erlitten hat: vermisst habe ich sicher einen Teil und zugleich habe ich einen Teil ‘zu hassen’ oder ‘verachten’ gelernt. Einen Teil Europas? oder doch eher der ganzen Welt? oder dessen, was sich da entwickelt hat im Europa und nun exportiert wird? Der Fortgang der Dinge, die absehbar sind, derweil man da am Abgrund steht und nur den einen Weg kennt, erlaubt ist zu gehen: den Weg nach vorne, den Weg des Weiter-So …?
Derzeit bin ich glänzend bei Freunden in Availles Limouzine untergekommen:
im Haus der ehemaligen Geschäftsführerin von ESAN, meinem alten EU-Netzwerk, die von Lille mit ihrem Mann nach dessen Pension nach hier gezogen sind. Eine dieser eher schwer zu verstehenden Freundschaften: lange Pausen und man trifft sich, als ob man eh jeden Tag zusammen ist. Und auch wenn man scheinbar über Jahre jeden Tag zusammen ist und war und sein wird, wird es nie langweilig eine tragbare Leichtigkeit des Seins, um dann Referenz zu Kundera’s Roman zu machen; aktuell ist hier bestimmt keine Langeweile, denn Christian ist ein ‘bekennender Chaot’ – im zutiefst positiven Sinne. Die Gegend ein Traum, und doch auch fuer mich eine ‘Herausforderung’: 1200 Einwohner gegen 9 Millionen in Changsha.
Und auch: mehr Diskussion zu globaler politischer und ökonomischer Entwicklung als in Changsha, wo ich ‘stumpfe Wirtschaftswissenschaft’ unterrichtete – dies ‘mehr an Diskussion’ hängt zugegebenermassen aber auch damit zusammen, dass es nicht wirklich reiner Urlaubsaufenthalt ist, sondern eben auch Teil meiner Parteiarbeit. Eine Art von Bericht habe ich ja zu den Erfahrungen in China – zumindest it Blick auf das Hochschulwesen – auch auf dem blog veröffentlicht, bzw, von dort verlinkt. Dort habe ich auch Bezug auf ein Buch von Erwin Chargaff: The Heraclitean Fire, genommen: bemerkenswert fand ich, wie das, was einige oder gar viele heute als Probleme sehen, eben auch ein Teil eines lang sich entwickelnden Prozesses ist. Und das habe ich selbst auch dort zu schreiben versucht: das Wissen um die allgemeine Entwicklungslinie, das Beklagen über Details, und das Handeln durch den Versuch, einen individuellen Ausweg zu finden – gönnerisches gleichsam ein anerkennendes Nicken fuer jene erübrigen, die etwas mehr wollen und fordern; und vielleicht ein gönnerisch-anerkennender Blumenstrauss oder Kranz eines Tages – von Individualisten an Individualisten, denn jeder scheint darauf reduziert zu sein – ‘Jeder stirbt fuer sich allein’, nicht nur in der Extremsituation, ie sie im Mittelpunkt von Fallada’s Stück im Mittelpunkt steht.
Sicher war China eine ‘besondere Erfahrung’, schließlich waren es über zwei Jahre. Und doch war fuer mich auch wieder einmal sichtbar, wie viel doch eben überall stattfindet, wie auch die alte Rostow’sche Westdampfwalze des Kapitalismus noch immer über solche Länder rollt – selten habe ich so viele SVUs und sonstige protzige Autos gesehen, wie in Hangzhou und Changsha; und selten wurde so offen wie in Hangzhou und auch bei jenem joint venture so vieles an Widerwärtigkeit ‘konkurrenzbetonter, verlogener Wissenschaft’ fuer mich unmittelbar deutlich – freilich: alles im besten Gefühl, ‘im Grunde gute Kerle zu sein’ – und nicht nur im Grund, sondern tatsächlich, allerdings begrenzt durch den Hyperindividualismus, den man eigentlich bekämpfen will; und selten wurde ir deutlich, wie weit es eben ein ganz normales Prinzip heute ist, was mit China nicht wirklich etwas zu tun hat; selten aber auch die immer noch zu findende Wertschätzung und das aktive Leben bestimmter traditioneller Verhaltensweisen, auch und gerade bei Studierenden. Selten auch deren Entfremdung, deren Hin- und Hergerissen-Sein zwischen ‘da muss man durch’ und tatsächlichem Interesse, Respekt, etc. Und selten habe ich auch die verschiedenen Facetten eben von Fehlkommunikation erlebt. Dies gilt mit Blick auf so viele – das Leben in Dichotomien: Studierende und Lehrende, Junge und Alte, Chinesen und Ausländer, auch wenn die Ausländer Chinesen sind, ‘dortige und hiesige’ – letzteres meint: bei solchen Gelegenheiten lernt man ja immer fast mehr über das, wo man her kommt als über das, wo man lebt. Und Kommunikation ist eben Gesellschaft – auch wenn ich nicht mit der Luhmann’schen Umkehrung übereinstimme, dass Gesellschaft nichts anderes als Kommunikation sei.Das letzte ‘Kommunikations- und Gesellschaftsproblem fuer mich: der Mieter in der Wohnung, die ich in Berlin gekauft habe, wurde tot in der Wohnung aufgefunden – man vermutet, dass er dort zwei Wochen gelegen hat. etc. pp. – so ist es in der freien und soziale Gesellschaft – fürsorgend und christlich …, bis zur nächsten Wahl, aber auch da nur, soweit es sich nicht vermeiden lässt … Und dann geht das ‘Kommunikationsstück’ weiter: in diesem Zusammenhang hatte ich mit dem Makler auch wieder Kontakt. Er schrieb in einer mail, er habe auch Leute, die bei der Renovierung helfen könnten, zumal es in Berlin nicht leicht sei, fuer kleine Arbeiten jemanden zu finden, schlug vor dass wir Telefonieren. Ich sagte OK und ich sei in Europa wieder und daher könne ich problemlos anrufen und fragte wann. ‘Geht auch gleich’ kam als Antwort und gleich …, nun ich versuchte ‘gleich’ und später und es kommt immer nur der Anrufbeantworter und keine Nachricht, die ich dort hinterlasse, wird beantwortet. Das ist gleichsam eine Art Standard-Erfahrung fuer mich: vielfach auch ‘global’: eine Erfahrung ’hier und dort’. Oft Zeichen von hypocrisy [mir fehlt der deutsche Begriff] und auch eine Erfahrung, die mich oft erschrecken laesst, wie tief eingeschliffen ein ‘berechnendes Verhalten’ ist, in dem wir alle zu leicht gefangen sind, bei dem mich auch verunsichert, wie weit ich mich ausschliessen kann. Ganz tief, selbst oft wenn es um Freundschaften geht – oft habe ich mit 邹籽仪 darüber gesprochen: Ehrlichkeit, Unverfälschtheit … und zugleich das Wissen darum, dass man es nicht immer Leben kann. Sie sagte es einmal direkt: ich bin nicht immer und zu allen so ehrlich und offen. So viele Dinge gingen mir da durch den Kopf und so viele Dinge sagte ich da zu ihr: die Erfahrungen und ach die Konflikte: der innere Streit mit dem und gegen den eigenen Opportunismus. Und die Spannung zwischen dem Anspruch auf Ehrlichkeit, Unverfälschtheit … gegenüber sich selbst und anderen und dem Wissen und sich und anderen Zugestehen: es geht nicht …, nicht immer … . Ich denke nicht, dass all dies ‘neu’ ist, neu sind höchstens die konkreten Muster und Instrumente. Das WWW mit all den Apps und die gadgets nur ein kleiner, und ich denke, oft überschätzter Teil. Und oft unterschätzt: wie leicht man selbst das gleiche Verhalten an den Tag legt, auch wenn man es kritisiert; wie bedeutungsvoll auch der konkrete Grund ist, auf dem man steht. Auch im Sinne etwa des Lebens jenseits von Computer und Akten und … Es erinnert mich an eine andere Stelle aus dem Buch Chragaff’s, wo er bemerkt, dass

[t]his is directly related to the loss of human proportions in science which I mentioned before. Science-at any rate in my way of considering it- is a mental activity, something that you do much more with your head than with your hands.

Hier und nun ist der Ausgleich das Schneiden der Hecke und der Weg zum Dorfladen, um die Zeitung zu kaufen. Wie ich sagte: hier ist doch auch mehr Diskussion zu globaler politischer und ökonomischer Entwicklung als Im Unterricht in Changsha oder sonst wo, hier hat Globalisierung auch und gerade eine ganz besondere und sichtbare Bedeutung. Und all dies im Moment hat etwas von jener bekannten Stelle aus der Deutschen Ideologie. Es geht um ein Leben,
‘wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.’
Es erinnert mich ein wenig an die Zeit meines Studiums seinerzeit in der DDR – oder lautet es: mein Studium in der seinerzeitigen DDR? Bei allem geht es ganz konkret um den Grund auf dem wir stehen – und der ist eben Kommunikation und Produktion des täglichen Lebens,wenngleich genau dieser seit langem und immer weiter zunehmend durch Marktaustausch zu einem sandigen Grund wird, auf dem sich schlecht bauen lässt. Nicht das gesprochene Wort gilt, sondern die bits und bites, die zu Markte getragen werden können. Und dies wird leider auch durch die gegenwärtige Privatisierung und Sparpolitik weiter getrieben. Von dem Ort hier – Availles-Limouzine – gibt es gleichsam nur einen Weg: hinaus in die Stadt, denn hier selbst gibt es zunehmend weniger. Und den Weg zu beschreiten bedeutet: eine viel zu lange Radfahrt nach Poitier z.B. [selbst noch klein genug], ein Privatauto, denn es gibt nicht Bus oder Bahn, vielleicht dann ‘sharing economy’ im wahren Sinn von Fahrgemeinschaften oder aber schlussendlich Umzug = Urbanisierung. Ein Teufelskreis, denn je weniger Menschen hier leben, desto geringer die Bereitschaft, Infrastruktur zu erhalten – und alle Bemühungen erscheinen einem oft selbst als Kampf gegen Windmühlen – gerade fällt mir hier die hervorragende Aufführung in Wien, früher in diesem Jahr, ein. So direkt, wie man es hier erfährt, erlebt, so schön laesst es sich schwerlich im Textbuch beschreiben. Und so wenig wird es sicher von vielen so empfunden – von den vielen, fuer die es ‘Alltag’ ist, und nicht, wie fuer mich derzeit, ‘Leben im Kontrast-Programm’. Und auch Leben im einer Art persönlicher Konflikte: verlassene Freuden, Freunden und Leben und  Lieben,a ich verlassene Reibungspunkte, verpasste und gar joint-venture-unterdrückte Möglichkeiten guter, aber nicht ranking-relevanter Hochschulerziehungsarbeit, aus verschiedenen Gründen versäumte Erfahrungen auch in jenem Land, das mir Gastlichkeit für über zwei Jahre anbot, verpasst nicht zuletzt aus meinem ‘Verschulden’ – eine Freundin aus China sagte einst, sie unternehme selbst wenig: ‘ich weiss nie so recht, warum ich soviel Aufwand treiben soll.’ Und das ist auch mein Problem, wenngleich ich dann gelegentlich erfahre, wie lohnenswert solche Ausflüge doch sein können – wenn man sich die Zeit und Ruhe dafür nimmt, wenn man Gelegenheit hat, den tatsächlichen Grund als Neuland zu erfahren, nicht nur die Standardimages. Zeit und Ruhe auch und gerade eben im Zusammenhang mit den locals, soweit er dann bei einem ungezwungenen Kaffee oder Tee möglich ist.
Das Ungezwungene aber … – was ist es? Dies nun war und ist ein Rätsel fuer mich …, geworden. Es hat sich dadurch ergeben, dass ich eben auch eine andere Erfahrung der Kommunikation erfahren habe, die ich aber nicht greifen kann. ‘Wir sind wer wir sind und nehmen alles durch den Filter unseres Wissens wahr.’ Das scheint eine Binsenwahrheit und gerade diese wurde ‘gestoert’, infrage gestellt – ich versuche es zu formulieren:
‘Wir sind wer wir sind – und wir sind wesentlich uns entwickelnde Wesen, stellen uns und unsere Welt damit ständig in Frage und wir nehmen alles durch den Filter unseres Wissens wahr – aber wir wissen eigentlich nur, dass wir nichts, oder doch zumindest nur wenig wissen.’
Ich weiss nicht, ob ich damit wirklich diese Erfahrung zum Ausdruck bringe. Es ging bei den Treffen, auf die ich mich beziehe,nie darum, irgendetwas = das eigene ich oder das des Anderen in Frage zu stellen: das Ausländer-Sein – das wir eben alle sind, und da wir uns entwickeln und das Land sich entwickelt, sind wir es teils selbst im eigenen Land; die Alters- und Berufsposition; die bestehenden oder nicht bestehenden Bindungen ….; und vielleicht bedeutete dies doch auch, dies nicht einfach als selbstverständlich hinzunehmen, sondern zu verstehen: sich selbst und den anderen …, und damit sich die Frage zu erlauben, ob denn nicht die vermeintliche Normalität eben das Erzwungene ist und das Ungezwungene gerade erlaubt, einmal aus eben jenem Alltag herauszutreten, eine neue Spannung zu erlauben, die eigenen Ängste zu spüren, vielleicht teils zu überwinden … – und damit hatte auch jenes etwas von dem überwinden des ‘einen ausschließlichen Kreis[es] der Tätigkeit’ auf den ich mit den Zitat aus der Deutschen Ideologie mich bezog. Und auch dann immer wieder die ‘Anstrengung’, die auch in dem Zitat von Chargaff eine Rolle spielt, die Unterscheidung von Aussage und Ausdruck:
In the evening and at night, my friend Albert Fuchs and I often walked through the beautiful streets of Vienna, and we talked endlessly about writing: what made a text genuine, what caused a poem to be good. We distinguished between Aussage (statement) and Ausdruck (expression), and we concluded that only the genius could “express,” whereas any talent could “state.” Something of this distinction has remained with me, and I would still say that only what is “stated” can be translated, but not what is “expressed.”
Und vielleicht kann kann solche Ausdrücke nicht einmal klar verstehen — dann wann gibt es die Zeit dazu? Wann sind wir bei all den Windmühlenkämpfen in der Lage und auch bereit, das zu machen, was ich oben beschrieb:
‘Wir sind wer wir sind – und wir sind wesentlich uns entwickelnde Wesen, stellen uns und unsere Welt damit ständig in Frage und wir nehmen alles durch den Filter unseres Wissens wahr – aber wir wissen eigentlich nur, dass wir nichts, oder doch zumindest nur wenig wissen.’

Du erinnerst Dich vielleicht an die kleine Auseinandersetzung, als es um meine Wiederwahl ging? ‘Ich verstehe oft nicht, was Du sagen willst, befürchte daher Probleme, in der Zusammenarbeit,’ so der eine Mit-Kandidat – und damit sind wir wieder beim Thema des Anfangs … ‘Im Grunde sind wir alle gute Kerle, nur haben wir keine Lust, uns ernsthaft auf Debatten einzulassen.’ Die Alternative: Wir diskutieren darüber, dass wir eigentlich viel zu wenig diskutieren – freilich in der intelektuell-besseren Formulierung des zweiten Teils: wir beklagen das Fehlen von diskursiven Räumen … .Es wäre schön, wenn wir Gelegenheit bald finden zu einem Treffen – leider dieses Mal wohl nicht im Kőleves Vendéglő …Bis dahin gruesst ganz herzlich Peter

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